Donnerstag, 2. September 2004
King Arthur
Als Historiker in Historienfilme zu gehen ist heikel. Letztlich kann man fast immer nur verlieren, wenn man nicht in der Lage ist, von historischem Wissen völlig zu abstrahieren, sich in die Welt des Filmes entführen zu lassen und klaglos hinzunehmen, was einem hier als historisches Geschehen präsentiert wird. Nimmt man diese Haltung nicht an, reibt man sich auf bei dem Versuch, der Filmhandlung historische Authentizität abzuringen oder im Gegenteil hartnäckig Fehler und Anachronismen aufzuspüren – je nachdem, wie einem der Film ansonsten gefällt. Man muss also versuchen, Historienfilme unvoreingenommen als reine Unterhaltung zu goutieren.

Leider aber verliert man bei King Arthur gerade auch dann. Die schauspielerischen Leistungen sind bestenfalls hölzern (Ausnahme: Stellan Skarsgård als Sachsenanführer Cerdic); Clive Owen als Arthur sieht zwar in der Rüstung mächtig und imposant aus und blickt drein wie eine Mischung aus Dustin Hoffmann und George Clooney, kann aber in kaum einer Szene wirklich überzeugen. Ähnlich ist es mit den anderen "Rittern" der Tafelrunde, allenfalls der grobschlächtige, aber doch liebevolle Bors bekommt von den Drehbuchschreibern sowas wie eine Persönlichkeit verpasst. Der Rest bleibt oberflächlich und belanglos, was im übrigen auch die Grundhaltung ist, die man dem Film und seinen Handlungsträgern gegenüber annimmt. Wer von den Recken in der finalen Schlacht oder auch schon davor sein Leben lassen muss, interessiert nicht wirklich, zu austauschbar schablonenhaft sind die Akteure und die ihnen zugedachten Rollen.

Unangenehm fällt weiters auf, dass auch ansonsten nicht allzu sorgfältig gearbeitet wurde. So wurden beispielsweise die Bäume in unmittelbarer Nähe der Schauspieler weiß eingepudert, um Schneelandschaft zu simulieren, die Bäume in den hinteren Reihen dagegen erstrahlen in schönstem sommerlichen Grün. Auch im Schneetreiben ist zu erkennen, dass die Berge im Hintergrund von warmen Sonnenstrahlen erhellt werden. Allzu leicht geht den Picten die Bedienung von Katapulten von der Hand, wie überhaupt die Schlachtszenen allenfalls dem heute üblichen Standard entsprechen und aus Gründen des Jugendschutzes auch noch unblutig verlaufen. Dass die Reiter allesamt die anachronistischen Steigbügel verwenden, gehört mittlerweile zum Standard in Historienfilmen. Allenfalls die Bilder, mit denen der Abwehrkampf der flüchtenden "Ritter" auf einem zugefrorenen See gegen die verfolgenden Sachsen eingefangen wurde, vermögen Glanzlichter zu setzen.

Nach diesem Urteil könnte der Film eigentlich nur noch punkten, wenn es um die originelle Umsetzung des sattsam bekannten und ausgelutschten Artus-Stoffes geht. Und hier ist die Idee auch ganz vielversprechend: Nicht die Tafelrunde mit Gral und höfischer Ritterlichkeit wird verfilmt, sondern es wird versucht, die Artuslegende in ihren realen historischen Kontext zu setzen. Daraus hätte man einen guten Film machen können! Nach der Auflösung der römischen Herrschaft in Britannien müssen sich die Einwohner vor allem im fünften und sechsten Jahrhundert gegen die in immer größeren Zahlen hereinbrechenden Sachsen behaupten. Ein Kampf, der letztlich damit endet, dass die Sachsen sich dauerhaft im Land festsetzen, die Britannier nach Schottland und Wales zurückdrängen und letztlich die Grundlage schaffen für die Angelsachsen, die den dominierenden Volksteil auf der Insel bildeten – bis zur normannischen Invasion durch Wilhelm den Eroberer 1066.

Es ist historisch belegt, dass es im Verlaufe dieses Prozesses Kämpfe gab, wenn auch vieles wohl friedlicher ablief, als es der Begriff "Invasion" nahelegt. Dass es auch Anführer auf britischer Seite gab, die Teilerfolge in einem Abwehrkampf errungen haben, ist auch belegt. Dass einer davon Arthur geheißen haben mag, taucht zwar nur legendarisch in Quellen des neunten Jahrhunderts auf, aber der Mangel an weiteren Informationen über die Frühzeit hätte genügend Freiheiten gelassen, einen guten und stimmigen Filmstoff mit Artus und seinen Begleitern als Protagonisten zu formen. Dass seine Helfer sarmatische Söldner waren, mag auch glaubhaft erscheinen, dass diese dem Christentum nicht unbedingt zugeneigt waren und dass es nicht einfach war, in dieser Anfangszeit erfolgreich zu missionieren, ist evident. Doch dass diese schneidige Truppe um Artus gleich auch eine Interventionsarmee zur Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten darstellte, ist dann nur noch Hollywood. Selten hat man in einem Film derartig schlecht terminierte und lächerliche Feldherrenreden gesehen. Die sächsischen Invasoren, die im übrigen im Film im Gebiet des heutigen Schottlands anlanden – anstatt, wie sie es wirklich getan haben, den direkten Weg nach Südengland zu nehmen – und dann von Norden her an den Hadrianswall klopfen, marschieren unter Trommelbegleitung in disziplinierter Schlachtordung eher wie preußische Fußsoldaten im Siebenjährigen Krieg und sind in der Einhaltung der Rassengesetze disziplinierter als jede SS-Truppe, sodass sie nicht einmal die Frauen in den eroberten Gebieten vergewaltigen. Abgeschlachtet und niedergebrannt hingegen wird alles, was den Film-Sachsen in den Weg kommt. Die wirkliche Landnahme der sächsischen und sonstigen Stammesgruppen dürfte wesentlich friedlicher, vielfältiger und kleinteiliger abgelaufen sein. Schließlich hatte man ja sehr wohl ein Interesse daran, in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung zu kommen, und schließlich wollte man ja auch eine Umwelt vorfinden, in der man sich ansiedeln konnte. Eine Politik der verbrannten Erde ist dabei nur bedingt hilfreich. Auch wird man kaum annehmen dürfen, dass die Sachsen, wie im Film gezeigt, in einem riesigen Zug von mehreren Tausend Kriegern über Britannien herfielen. In einer Szene tummeln sich die sächsichen Schiffe in einer Menge, die suggeriert, es wären Griechen, die sich auf dem Weg nach Petersens Troja leider verfahren haben und jetzt im eisigen Nordbritannien statt in der sonnigen Türkei ihr Glück finden müssen.

Nach Troja und King Arthur bleibt somit nur noch zu hoffen, dass wenigstens Oliver Stones Alexander das Jahr 2004 für den Historienschinken rettet, obwohl ich hier starke Zweifel habe. Sonst müssen eben die DVDs von Master and Commander und Gladiator herhalten.

Von rotula um 22:14h| 0 Kommentare |comment | Thema: Film

 

Samstag, 7. August 2004
Zitieren von Online-Quellen
Eine nützliche Zusammenstellung, wie man Online-Quellen zitiert (zwar vor allem am angelsächsischen Bereich orientiert, aber auch sonst mit entsprechenden Veränderungen einsetzbar).

Weiteres Material zum Thema z. B. bei Archivschachtel.

Ebenfalls zum Thema Archivierung und Zitierbarkeit von Online-Quellen dieser Rotula-Beitrag.

[via Handakte]

Von rotula um 21:09h| 0 Kommentare |comment | Thema: Computer

 

Von Nicht-OAI zu OAI?
In netbib verweist Klaus Graf auf einen Artikel, der sich mit der Integration von nicht-OAI-konformen Ressourcen in OAI-Suchstrukturen beschäftigt und bittet um Stellungnahmen. Da ich nicht einen derart langen Text in die netbib-Kommentare posten wollte, findet sich der Text hier:

Während bei Publikationssystemen die Aufgabe in der Regel darin besteht, aus strukturierten, stark sachlich beschriebenen Daten (XML-Dateien, Datenbanken, ...) eine im Layout ansprechende Präsentation zu erstellen (HTML, PDF, ...), wird bei dem vorgestellten System der umgekehrte Weg gegangen: aus den HTML-Daten von Webseiten wird versucht, die sachlich relevanten Informationen zu extrahieren. Als Beispiel kann man den HTML-Quellcode einer netbib-Seite nehmen. Wenn es einer Suchmaschine darum ginge, aus dieser Seite zu extrahieren, aus welchen Bestandteilen der Blogeintrag besteht, könnte man ihr in etwa die folgenden Anweisungen geben: "Finde einen Text, der zwischen h3-Tags (ohne weitere Attribute) eingeschlossen ist, diesen Text als 'Datum' speichern, gehe dann weiter zu einem Tag 'div' mit dem Attribut class='post', darin befindet sich der Inhalt des Posts, ...". Auf diese Weise könnte man aus den HTML-Daten, die ja nicht mehr nur primär sachlich ausgezeichnet sind, die Elemente des Blogeintrages extrahieren und auf Datenbankfelder abbilden. (Dieses Vorgehen ist in diesem Beispielfall natürlich überflüssig, weil es ja RSS gibt.)

Das Problem an sich taucht in der Informatik immer wieder auf. Ein befreundeter Informatiker (Dieter Bühler) hat für seine Diplomarbeit ein derartiges, frei konfigurierbares System entwickelt, das es ermöglicht, aus HTML-Daten XML-Daten zu gewinnen (html2xml).

In anderem, viel kleinerem Maßstab haben wir sowas mal für die Webseite unserer Mittelalter-Abteilung gemacht. Wir hatten eine Rubrik "Mittelalter im TV", die jetzt leider nicht mehr weitergepflegt werden kann. Für diese Rubrik haben wir einfach automatisch die Webseiten von TV-Programm-Anbietern nach einschlägigen Begriffen durchsucht und (ebenfalls automatisch) die Suchergebnisse, die ja als layout-orientierte HTML-Seiten vorliegen, nach der oben beschriebenen Methode durchsucht und die relevanten Informatione (Sendezeit, Titel, ...) extrahiert und in einer Datenbank abgelegt. Aus dieser konnte dann unsere Webseite erstellt werden.

Das in dem Artikel vorgestellte System scheint gut fundiert und plausibel. Die verwendeten Komponenten (etwa Apache Webserver, Perl, MySQL, Wget, Java, ...) sind derzeit sicherlich genau diejenigen Tools, die man für die jeweiligen Aufgaben heranziehen würde. Durch die vielzahl an verschiedenen verwendeten Bestandteilen entsteht natürlich ein recht heterogenes System, aber das ist nuneinmal so, wenn man in diesem Bereich relativ schnell und effektiv ein Ziel erreichen will. Langfristig kommt vielleicht die Überlegung auf, die Einzelkomponenten besser zu integrieren und ein System "aus einem Guss" zu schaffen. Ein verständlicher Wunsch, für den man in diesem Fall allerdings nicht unbedingt plädieren sollte, denn wirklich viel wäre damit nicht zu gewinnen. Der Programmieraufwand wäre sicherlich enorm, allein um die Funktionen abzubilden, die man jetzt in dem heterogenen System bereits realisiert hat. Der mögliche Vorteil bestünde dann natürlich evtl. in einer leichteren Wartbarkeit und Erweiterbarkeit. Aber der Beschreibung in dem Artikel zufolge, wurde das System so modular und erweiterbar wie unter den beschriebenen Gegebenheiten möglich angelegt. Man kann also den Verantwortlichen gratulieren, dass sie ein funktionierendes System auf die Beine gestellt haben, das sicherlich einerseits signifikant mehr wissenschaftliche Publikationen über ein OAI-Interface zugänglich machen wird und andererseits auch mehr Institutionen dazu bewegen wird, ihre Publikationen dem OAI-Standard entsprechend zu gestalten. Beide Ziele sind bislang offensichtlich allein durch Überzeugungsarbeit nicht zu erreichen gewesen (wie in dem Artikel ja erwähnt wird).

Abschließend ist natürlich auf die kritischen Bemerkungen am Schluss des Artikels hinzuweisen:
First, the parsers are site-specific and must be developed for each resource to be integrated. This requires considerable labor and in-depth knowledge of regular expressions or other text-matching techniques. It is a reasonable approach for large, consistently structured sites such as PMC, in which a single parser can extract the metadata for hundreds of articles. For smaller sites, or sites with very inconsistent HTML coding, this approach will likely require too much labor to justify the expenditure of the required development time. Second, such an approach is very sensitive to any design change at the remote resource. Even small changes to the HTML structure of a site can require extensive modification or complete refactoring of a parser.

Diese Äußerungen, die direkt von der oben verlinkten Webseite stammen, geben ziemlich klar, die Probleme wieder, die auch meiner Erfahrung nach bei ähnlichen Ansätzen auftauchen. Auch das spricht letztlich für die Autoren, dass sie diese Probleme deutlich erkennen und ansprechen.

Langfristig wird die Betreuung und Weiterentwicklung eines solchen Systems immer relativ teuer und aufwändig bleiben, sodass es natürlich besser wäre, möglichst viele Institutionen würden sich an den OAI-Standard halten. Aber vielleicht gelingt ja mit derartigen Initiativen mehr als durch reine Überzeugungsarbeit und Appelle zu erreichen ist.

Von einem Nicht-OAI-Experten noch die Nachfrage: Gibt es eigentlich andere Standards oder Ansätze, die in Konkurrenz zu OAI stehen? Gibt es klare Schwächen, die gegen OAI sprechen? Oder liegt es eher an mangelndem Interesse oder Knowhow der Institutionen, sich auf diesen Standard einzulassen?

Von rotula um 10:31h| 1 Kommentar |comment | Thema: Computer

 

Freitag, 30. Juli 2004
Geographische Mythen
Der Map Room weist auf eine interessante Seite des Philadelphia Print Shops hin, die sich mit geographischen Mythen auf historischen Karten beschäftigt, welche sich aus ganz verschiedenen Gründen (Sinnestäuschungen, unbewiesene Gerüchte, die nicht überprüft wurden, ...) auf alten Karten finden und sich häufig erstaunlich hartnäckig halten.

Auf der Seite, die hoffentlich noch weiter wächst, findet sich zum Beispiel auch ein Abschnitt über das angebliche Reich des Priesterkönigs Johannes (leider noch ohne Kartenbeispiele).

Da es sich um ein Antiquariat handelt, das diese Seite unterhält, ist die Auswahl der Kartenbeispiele wohl durch die Karten vorbestimmt, die sich im Besitz des Antiquariats befinden und selbstverständlich auch verkauft werden sollen (was auch durch die Preisangaben bei den Beispielen unterstrichen wird). Hoffentlich bleiben die Texte und Bilder online, auch wenn die Karten verkauft sind!

Auf der Seite werden – soweit ich sehe – lediglich Karten erwähnt, die Fehler, aber nicht unbedingt bewusste Fälschungen enthalten. Leider habe ich keine Zeit, dem nachzugehen, aber es wäre interessant, zu sehen, welche Arten von Kartenfälschungen aus welchen Gründen in der Geschichte vorkamen. Offensichtliches Beispiel, das mir hier einfällt, sind natürlich Sicherheitsüberlegungen. Auch auf aktuellen Straßenkarten finden sich doch weiße Flecken, wenn es sich um militärisch relevantes Sperrgebiet handelt, wenn ich mich nicht irre. Und gab es nicht in der DDR früher offizielle Karten, in denen Grenzverläufe und militärische Anlagen bewusst falsch dargestellt waren? Oder bin ich hier selbst einer Falschinformation oder einem Mythos aufgesessen?

Von rotula um 20:16h| 3 Kommentare |comment | Thema: Geschichte