Open Access und Edition
Klaus Graf hat seinen Vortrag, den er auf dem Wiener Kolloquium "Vom Nutzen des Edierens" halten wird, in einer Vorab-Version auf Archivalia bereitgestellt.

Anhand von Beispielen führt er in die Problematik von entlegen bis gar nicht veröffentlichter wichtiger wissenschaftlicher Literatur ein und schlägt eine verstärkte Orientierung in Richtung auf Open Access vor, was viele Probleme vermeiden würde und zugleich auch eine Belebung der wissenschaftlichen (Editions-)Arbeit herbeiführen könnte. Graf betont, dass dies nicht nur im naturwissenschaftlichen Bereich, wo die Zeitschriftenkrise der Bibliotheksetats mit voller Wucht zuschlägt, sondern auch im geisteswissenschaftlichen Bereich seine Gültigkeit habe.

Seine Überlegungen führen schließlich zur Grundthese seines Beitrags, dass der "Nutzen des Edierens" erheblich größer wäre, wenn alle Editionen nach den Grundsätzen des "Open Access" frei im Internet zugänglich wären.

Besonders wichtig erscheint mir auch der (teilweise den Vortrag ergänzende) Hinweis, dass es ja nicht nur darum gehen sollte, "fertige" Editionen im Internet zugänglich zu machen, sondern dass bereits eine möglichst umfassende Dokumentation des Arbeitsprozesses sinnvoll sein kann. Viele anspruchsvolle Editionsprojekte erfordern jahrelange Arbeit, die dann in ein fertiges Buch (oder eine Netzseite) mündet. Es kann doch aber nicht sein, dass in der jahrelangen Klausur der Editionsarbeit keine Materialien anfallen, die nicht auch schon im provisorischen Stadium für die Fachöffentlichkeit nützlich wären (Transskriptionen von Handschriften, eingescannte ältere Drucke oder Forschungsliteratur, ...). Das Online-Stellen von Materialien ermöglicht nicht nur, dass Projektmitarbeiter von überall her auf die gleichen Grundlagen zugreifen können (das wäre ja auch in einer zugangsbeschränkten Präsentation möglich), sondern auch, dass weitere Forscher die Materialen nutzen und zugleich wertvollen Input bieten, indem sie auf Fehler hinweisen, eigene Beiträge liefern, das Editionsprojekt in der wissenschaftlichen Diskussion halten.

Das Beispiel, das ich ein wenig aus eigener Anschauung kenne, ist die Edition der sogenannten Falschen Kapitularien des Benedictus Levita. Eigentlich sollte die Sammlung bereits im 19. Jahrhundert bei den MGH ediert werden. Doch der Editor starb über seinem Werk. Sein Nachfolger musste wieder bei Null anfangen, konnte die Edition aber zu Lebzeiten ebenfalls nicht fertigstellen. Leider war mit seinem Nachlass auch nicht allzuviel anzufangen, sodass es wieder von vorne begann, usw. Wollen wir hoffen, dass den derzeitigen Editoren nicht das gleiche Schicksal widerfährt, aber wenn, dann wäre wenigstens nach Kräften dafür gesorgt, dass sinnvoll weitergearbeitet werden könnte ;-)
2004-06-01 00:43, von rotula | |comment | Thema: Mittelalter